[Rezension] Zwei Poetry-Slam Bücher im Vergleich

Gedichte sind bei Jugendlichen nicht besonders beliebt, aber durch Poetry-Slam erfreut sich das Genre über mehr junge Leser.
Gedichte sind bei Jugendlichen nicht besonders beliebt, aber durch Poetry-Slam erfreut sich das Genre über mehr junge Leser.(Quelle: cromaconceptovisual / pixabay.com)

Es gibt viele Leser, die Gedichte verstehen, sich mit dem lyrischen Ich identifizieren können und sie auch sehr gerne lesen und,  im Falle von normalem Poetry-Slam, gerne hören. Es gibt aber auch genug Menschen, die aufgrund der verwirrenden Gedichtinterpretationen zur Schulzeit, Gedichtbändern nichts mehr abgewinnen können. Man munkelt manche Menschen mögen minimalistische Muntermacherwörter? Möglich, üblich vorzüglich. Letzteres ist übrigens ein Homöoteleuton.

Ein Poetry-Slam ist eine Veranstaltung, bei denen Menschen ihre eigenen geschriebenen Texte vortragen. Diese werden innerhalb einer bestimmten Zeit und durch unterschiedliche Intonationen den Zuhörern präsentiert. Am Ende wird unter allen Texten ein Gewinner gekürt.

Um den ein oder anderen für die neumodernen Gedichte, die auf Poetry Slams vorgestellt werden, zu begeistern, habe ich zwei Bücher für eine Rezension ausgewählt. Beide stammen von Poetry-Slammern, die ihre Texte kompakt in ein Buch gefasst haben.

Wunschlos oder glücklich: tiefsinnige Slam Poetry, eigensinnige Bilder

von Marco Michalzik, Illustration von Eva Jung

Marco Michalzik ist als Poetry-Slammer, Rapper und Songwriter bekannt. Er hat weitaus mehr Veröffentlichungen, als die Autorin des zweiten, rezensierten Buchs. Darunter mehr CDs und Hör- als „normale“ Bücher. Das vorgestellte Buch ist das aktuellste momentan, erschienen im Februar 2016 und 64 Seiten umfassend. Aktueller sind lediglich zwei Audio-CDs, die nach dem Poetry-Slam Buch herausgebracht wurden. Alle seine Veröffentlichungen zeigen unterschiedliche Designs auf, sind dabei immer sehr farbfreudig gestaltet.

Rezension

Das Erste, was jedem Leser zuerst ins Auge springt, ist das Buchcover und die Seiten an sich. Diese sind sehr bunt gestaltet und jede Seite ist mit einem Foto versehen. Die Illustrationen stammen hierbei von Eva Jung, die sich an den Texten von Marco Michalzik orientierte. Die Fotos sollen verschiedene Motive von Glück darstellen, denn das ist das Hauptthema (das alleinige Thema) dieses Poetry-Slam Buchs. Die Facetten von Glück, vom glücklich sein, werden auf unterschiedlichste Weise aufgegriffen: zuerst etwas wehmütig, dann fragend und suchend bis hin zum Glück finden in der Liebe und in den Wünschen.

Die verschiedenen Bilder erscheinen persönlich etwas wahllos, machen aber durchaus Sinn. Denn „Glück lässt sich nicht an- und auch nur schwer in Worte fassen, und doch erkennt jeder es sofort“ heißt es unter anderem in einem Text. Daher ist es auch verständlich, wenn nicht jeder den Sinn der Bilder versteht und sie eventuell auch nicht ansprechend findet. Zumindest kann ich das von mir behaupten.

Was bei sehr vielen Poetry-Slammern vorkommt, das macht es auch aus, sind geistreiche Worterfindungen. Sie sind oft passend im diesem Werk, bringen einen zum Schmunzeln, aber auch manchmal etwas deplatziert wirkend. Um des Reimes willen ein nettes Neuwort! 

Besonders positiv ist die Aktualität der Texte aufgefallen. Denn auch das mittlerweile aneckende Thema Flüchtlinge wird aufgegriffen, sei es auch nur in einem Vers: „Variiert Glück von Land zu Land, weil sie aufs „Glücklichwerden“ hoffen[…]“

Es gibt durchaus viele Stellen in den vielen Versen, mit denen sich einige Menschen wiedererkennen können. Ach ja, das sehe ich auch so. Da fühlt jemand wie ich, jemand Fremdes und doch irgendwie Gleiches. Aber die wirklichen Emotionen kommen nicht rüber, irgendetwas fehlt. Ich kann nicht genau den Finger drauf legen, an was es mir gefehlt hat. Vielleicht hat auch nur gestört, dass es nur um Glück ging.

Das Lieblingszitat aus diesem Werk möchte ich noch anschneiden, denn ich habe es zwar schon oft an verschiedenen Stellen gehört, aber bin immer wieder davon angetan:

 „[…]Weil Freude sich paradoxerweise verdoppelt, wenn man sie teilt[…]“ 

Bonus

Normalerweise würde ich hier die Bewertungen von Lesern zusammenfassen, die einmal die höchste und einmal die niedrigste Wertung abgegeben haben. Leider ist hier nichts zu finden.

Eines Tages, Baby

von Julia Engelmann

Julia Engelmann ist eine (eventuell ehemalige) Schauspielerin, die mit einem Video Millionen Aufrufe erhalten und so weitaus mehr Berühmtheit erlangt hat, als manch anderer Poetry Slammer. Das Video zeigt Julia Engelmann beim Rezitieren eines ihrer Texte, „One Day / Reckoning Text von Asaf“. Dieser ist auch in diesem Buch, welches im Mai 2014 erschienen ist, enthalten.  Es umfasst 96 Seiten, davon sind 83 mit Gedichten gefüllt. Mittlerweile gibt es noch zwei weitere Werke von Engelmann, die jeweils 2015 und 2016 erschienen sind und einen ähnlich klingenden Titel, wie auch ein ähnliches Design aufweisen. Besonders erwähnenswert ist, dass die Illustrationen von der Autorin selbst gestaltet sind.

Rezension

Das Buch ist klein gehalten, nicht vom Inhalt her, aber von der Größe. Die Illustrationen sind geradezu minimalistisch und in schwarz-weiß. Sie stechen einem nicht ins Auge, man überfliegt sie auch gerne und sie bleiben nicht hängen. Aber zu finden sind sie auf jeder Seite bzw. für jeden Text gibt es mindestens eine kleine Illustration.

Auch hier findet man Worterfindungen, die durchaus gut klingen und auch unterhaltsam zu lesen sind, aber, ja doch, auch als Lückenfüller dienen: „Ich surf auf keiner Modeklischeeretrowelle, ich surf im Internet, such Lesebrillengestelle(…)„.So scheint es zumindest.

Anders als im vorherigen Buch werden hier gefühlt dutzende Themen angesprochen: es geht um Selbstfindung, ums Loslassen, Mut machen und ums Erwachsen werden. Auch die Dankbarkeit an Freunde und Familie kommt nicht zu kurz. Engelmann spielt auch mit den Betonungen und markiert sie im Text kursiv: hier musst du stärker betonen, das klingt besser als monotones Vorlesen! 

Das stimmt sogar, es macht ein wenig mehr Spaß als sowieso. „(…) vielleicht geht’s nicht darum, dass ich anders, sondern darum, dass ich ich bin.

Die Texte weisen Emotionen auf, haben auch etwas Ähnlichkeit zu Liedtexten, da einige Verse wiederholt werden wie ein Refrain. Und obwohl Engelmann von ihren eigenen Erfahrungen dichtet, sind die Themen so bekannt und der Inhalt der Verse so gängig, das eine Wiedererkennung unüberwindbar erscheint.

Es gibt viele Stellen, die man durchaus noch erwähnen könnte. Eine ist besonders für Teenager schön zu hören:

 „Jemand sagt dir, du bist anders, dann denk dir für dich: Anders ist nicht falsch, bloß ’ne Variante von richtig.“ 

Bonus

Leser, die für dieses Buch die höchste Bewertung abgegeben haben, empfinden, dass Julia Engelmanns Texte zum Nachdenken anregen und perfekt ins zeitliche Bild passen. Die niedrigsten Bewertungen kritisieren, dass die Autorin sich selbst überschätzt und man ihr zu viel Lob zuspricht für ihre meist „mickrigen“ Texte.

Fazit

Beide Bücher sind für Jugendliche geeignet, für Teenager im Alter des Zweifels. Als Kopf-hoch-alles-läuft-schon, macht euch weniger Sorgen, setzt euch keinen Zeitplan und keinen Druck. Im „Eines Tages,Baby“ findet man sich eher wieder obwohl es ausschließlich um ihre Gefühle geht, die aber beängstigend nachvollziehbar erscheinen. Doch auch „Wunschlos oder glücklich“ ist in der Lage aufzuzeigen, dass Glück überall zu finden ist, auch wenn es nicht so scheint.

Poetry-Slam Texte begeistern die Jugend und junge Erwachsene mit ihren aktuellen Themen und der Offenheit. Zurschaustellung wird hierbei erwartet und gefeiert. Je außergewöhnlicher der Redner, desto unterhaltsamer. Eine komplett andere Thematik und Fokussierung auf Stilmittel als es zur Schulzeit üblich war und ist.

Eventuell habt ihr andere Poetry-Slam Bücher, die ihr eher empfehlenswert findet? Oder hat einer schon diese zwei gelesen und eine andere Meinung als die meine? Ich freue mich auf Kommentare!

 

 

 

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